BMW definiert wasserdicht


Beim Motorradfahren lässt sich ein Regenguss nicht immer vermeiden. Beim Urlaub in Norwegen und Schweden trifft es einen auf jeden Fall. Wir fuhren im Sommer 2010 gut 2 Wochen im Regen oder mussten zumindest die Regenkleidung an behalten, da es jederzeit wieder hätte regnen können. Unsere Erfahrungen mit der angeblich wasserdichten Regenkleidung waren schockierend.

Am ersten Tag in Norwegen genossen wir die Fahrt bei herrlichstem Sommerwetter. Norwegen bedeutet gute Strassen, die sich über Hügel, durch Wälder und entlang von Seen schlängeln. Max. Geschwindigkeit 90 km/h, es kommt also kein Stress auf. Zwei Farben herrschen vor: grüne Wälder und Wiesen und blaue Seen oder Fjorde.

Am zweiten Tag zogen Wolken auf, es regnete etwas, wir suchten Unterschlupf in einem Häuschen auf dem Campingplatz. Am nächsten Tag nahm der Regen Anlauf. Wir auch. Beide waren wir dann zur selben Zeit unterwegs. Es schüttete wie aus Eimern. Wir waren nach zwei Stunden durchnässt, also wirklich tropfnass bis auf die Unterhose. Beide trugen wir wasserdichte Motorradkleider und wasserdichte Handschuhe und darüber, man mag es kaum glauben, Regenkleidung (Hose und Jacke PROOF von Louis.de). Alles korrekt angezogen. Kalt war uns trotz der frischen 12° nicht, aber das lag vielleicht an der Wollwäsche, auf die wir schwören.

Nun, so ging es die nächsten Tage weiter. Wir haben nichts dagegen, im Regen zu fahren. Da lernten wir erst richtig, wie man bei Regen fährt. Aber die wasserdichten Handschuhe hielten nur gut 1 Std. Wir fuhren danach täglich nur noch 3 Std., suchten uns dann eine Hütte und verbrachten den Nachmittag damit, die Kleider zu trocknen, damit wir am nächsten Tag in trockener Ausrüstung losfahren konnten.

Wir kauften dann unterwegs noch spezielle Überhandschuhe für den Regen. Klar doch! Die waren auch nicht dicht. Das überraschte uns aber nicht mehr wirklich.

Wir waren schockiert. Wie sollen wir uns im Regen wohl fühlen, wenn die Ausrüstung nicht dicht ist? Wir bezahlten doch teuer dafür. Nach unserer Rückkehr brachten wir die Handschuhe zu unserem BMW Vertreter zurück. Man glaubte uns fast nicht, als wir erzählten, die Handschuhe seien nicht dicht. Nach einigem Druck unsererseits wurde sie dann aber ausgetauscht, wieder gegen ein bisschen wasserdichte Handschuhe.

Wasserdicht ist nicht unbedingt wasserdicht (ausser beim Preis)

Gleichzeitig schrieben wir eine Mail an BMW und bekamen folgende Antwort:

Zur Wasserdichtigkeit: Die Wassersäule ist eine nicht SI-konforme (SI von
französisch Système international d’unités) Einheit zur Messung des Drucks.
Ein Meter Wassersäule (Abkürzung 1 mWS) entspricht unter Normbedingungen
9,80665 kPa (rund 0,1 bar).

Nach der europäischen Norm EN 343:2003 (“Schutzkleidung gegen Regen”) ist
ein Produkt mit Wassersäule ab 800 mm “wasserdicht (Klasse 2)” und ab 1.300
mm “wasserdicht (Klasse 3)”. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und
Forschungsanstalt (EMPA) in St. Gallen in der Schweiz geht davon aus, dass
ein Funktionsmaterial ab einer Wassersäule von 4.000 mm wasserdicht ist.
Beim Sitzen auf feuchtem Untergrund wird ein Druck aufgebaut, der zirka
2.000 mm Wassersäule entspricht. Beim Knien in der Hocke drücken schon zirka
4.800 mm Wassersäule auf die Bekleidung. Ähnlich hohe Belastung kommen beim Motorradfahren zustande.

Angaben zur Wassersäule, in Millimeter ausgedrückt, geben die Dichtigkeit
des Gewebes an. Die Mindestanforderung bei BMW Motorrad ist eine Wassersäule
von 10.000 mm auf Bekleidung. GORE-TEX-Handschuhe und -Stiefel haben noch eine höhere Wassersäule – zirka 28.000 mm (Quelle Fa. GORE). Die GORE-TEX “Guarantee to keep you dry” berücksichtigt allerdings viele Faktoren, wobei die Wasserdichtigkeit nur ein Bestandteil ist.

Durch die Bewegung der Hand am Motorrad (z.B. Festhalten, Abstützen,
Bremsen, Kuppeln, Gasgeben) wird ein Handschuh allerdings ganz anders beansprucht als zum Beispiel eine Jacke oder Hose. Wasser – das auf anderen Wegen in den Handschuh gelang (z.B. am Übergang zum Ärmel), die Verwendung von heizbaren Griffen bei Nässe (Wirkungsweise der Umkehrung von Temperatur- und Druckverhältnissen zwischen kalter Umgebungsluft und warmer Luft im Handschuh), Schweiß, so wie viele andere Details führen oftmals dazu, dass die objektiv vorhandene Wasserdichtigkeit eines Handschuhs in der Praxis anders erlebt wird.

Mit besten Grüßen aus München
BMW Motorrad Direct

Der letzte Abschnitt ist besonders interessant. Da werden zwei wichtige Punkte angesprochen:

  1. Wenn es regnet, muss man die Sitz- und Griffheizung ausschalten
  2. Die objektive, also die wirklich real vorhandene und beweisbare Wasserdichtigkeit von Handschuhen kann in der Praxis vom Motorradfahrer anders erlebt werden.

Also bitte, nun mal Klartext: Wenn ich wasserdichte Handschuhe kaufe, die zum Motorradfahren gedacht sind, möchte ich, dass meine Hände im Regen trocken und warm bleiben.

Die IXS Hosen hatten wir schon einmal mit Müh und Not austauschen können, weil sie nicht wie versprochen dicht waren, sondern in einem kurzen Gewitter durchliessen wie ein Schwamm. Die Neuen sind aber auch nicht dicht. Deshalb versucht es mein Mann jetzt mit der Rallye Ausstattung.

Das Innenleben von Motorradhandschuhen

Und hier noch einige Fotos meiner früheren Handschuhe. Die waren nicht annähernd wasserdicht und die dünne Membrane löste sich an den Fingern, so dass ich quasi einen Handschuh im Handschuh anziehen musste. Das war bei feuchten oder nassen Handschuhen sehr umständlich und dauerte. Deshalb schnitt ich sie dann zu Hause auf, weil ich wissen wollte, wie das Innenleben aussieht. Völlig unspektakulär, muss ich sagen, und billig, wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf.

 

 

 

   

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